Freitag, 10.06.2011
Integration online
Anonym und kostenfrei können sich junge Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Internetportal mit ihren Fragen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendmigrationsdienstes wenden – oder ihre Anliegen in dem vor kurzem freigeschalteten Forum diskutieren. Özcan Ülger, Leiter des Projektes „Integration durch Online-Beratung", erklärt im Interview die Besonderheiten von Beratung und Unterstützung im Web 2.0.
Der Jugendmigrationsdienst ist in Deutschland mit mehr als 420 Standorten präsent. Warum bieten Sie nun zusätzlich eine Online-Beratung an, Herr Ülger?
Die Jugendlichen von heute sind mit dem Internet aufgewachsen, sie nutzen das Netz als selbstverständliches Kommunikationsmedium – Migrantinnen und Migranten sogar stärker als ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. Deshalb haben wir JMD4you entwickelt: Wir holen die Generation „Web 2.0“ dort ab, wo sie sich aufhält – im Netz!
Die Online-Beratung stellt ein zusätzliches Angebot zu den Jugendmigrationsdiensten dar, das diese ergänzen, aber keineswegs ersetzen kann. Wir erreichen damit Menschen, die sich mit herkömmlichen Beratungsangeboten schwer tun und beim ersten Kontakt lieber anonym bleiben möchten. Manche Nutzer finden über die Online-Beratung auch den Weg zum Jugendmigrationsdienst vor Ort.
Wie funktioniert die Online-Beratung konkret?
Die Jugendlichen loggen sich ein und wählen die Form, in der sie ihre Fragen stellen möchten: entweder über verschlüsselte Webmails oder im direkten Einzelchat mit dem Berater. Die Beantwortung der Webmailanfragen erfolgt innerhalb von 48 Stunden.
Alternativ können Gruppen- und Themen-Chats genutzt werden, das Forum auch von nicht eingeloggten Personen. Hier können sich die Jugendlichen untereinander austauschen. In Rubriken wie „in der alten Heimat“, „Schule, Ausbildung, Beruf“, „in der Familie“ oder auch „Liebe, Partnerschaft und Heirat“ kann ohne den Druck einer klassischen Beratungssituation über alles diskutiert werden, was mit dem Leben in Deutschland zu tun hat.
Welche Themen werden bei der JMD-Online-Beratung behandelt, mit welchen Fragen wenden sich die Nutzer vorwiegend an Sie?
Meistens geht es um Themen wie Bildungsweg und Beruf, Aufenthaltsstatus, Heirat, auch Zwangsheirat, Deutschkenntnisse, Kopftuch, Familie und Beziehung. Manchmal wenden sich Jugendliche zunächst mit einer Bildungsfrage an uns, und im weiteren Verlauf der Beratung, kommen dann auch andere, beispielsweise private Probleme zur Sprache. Wie bei der persönlichen Beratung ist auch online die Vertrauensbasis zwischen Beratenden und Ratsuchenden äußerst wichtig.
Wie ist ihre bisherige Erfahrung – sehen Sie auch Grenzen in der virtuellen Beratung?
Natürlich sind wir uns bewusst, dass JMD4you auch seine Grenzen hat. Dadurch, dass kein direkter Kontakt stattfindet, fehlt die Wahrnehmung über alle Sinneskanäle. Es ist daher mitunter schwieriger, eine persönliche Beziehung aufzubauen. Bei der Beratung stehen Autonomie, Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit der Ratsuchenden im Vordergrund.
Ziel ist das Erarbeiten von Lösungsalternativen und Strategien, nicht die Problemanalyse und Ursachenklärung. Neue Wege werden aufgezeigt, die eigene Kraft der Ratsuchenden wird aktiviert. Das kann zum Beispiel auch bedeuten, die direkte Beratung in einem Jugendmigrationsdienst vor Ort zu empfehlen.
Im vergangenen Jahr ist das Online-Angebot um einen offenen Forumsbereich erweitert worden. Welche Aktivitäten planen Sie in diesem Jahr?
Ein wichtiger Schritt wird die Übersetzung des Portals in zunächst sieben Sprachen für unsere größten Nutzergruppen sein: Türkisch, Arabisch, Russisch, Englisch, Serbisch, Albanisch und Bosnisch. Außerdem werden wir in verschiedenen Sprachen Themen-Chats anbieten. Als neues Feature sollen bekannte Menschen mit Migrationshintergrund vorgestellt werden, zum Beispiel Sportler oder Musiker. Sie werden ihre persönliche Geschichte erzählen und für die Zielgruppe als Vorbilder fungieren. Dies erhöht die Attraktivität von JMD4you und führt zu einer längeren Verweildauer der Nutzerinnen und Nutzer auf dem Beratungsportal.
Seit kurzem sind wir auch bei verschiedenen sozialen Netzwerken wie schuelerVZ, facebook und twitter vertreten. Dort wird das Beratungsportal mit Profilen beworben, auf die Jugendliche zugreifen und erste Informationen zu JMD4you erhalten können. Ein Besuch lohnt sich – auch für Menschen ohne Migrationshintergrund.
Herr Ülger, vielen Dank für das Gespräch!
Weiterführende Informationen
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