Fazit und Aufbruch

jmd2start-MitarbeiterInnen berichteten in einer Podiumsrunde über ihre Erfahrungen bei der Begleitung von jungen, geflüchteten Menschen.  Bildnachweis:Markus Hertzsch / JMD Servicebüro

jmd2start-MitarbeiterInnen berichteten in einer Podiumsrunde über ihre Erfahrungen bei der Begleitung von jungen, geflüchteten Menschen. Bildnachweis:Markus Hertzsch / JMD Servicebüro

Abschlusstagung des Modellprojekts jmd2start in Berlin

Die Modellphase ist nun fast vorbei. Zwei Jahre lang wurde an 24 jmd2start-Modellstandorten erprobt, was in Zukunft an allen 450 Jugendmigrationsdiensten bundesweit gelingen soll: die Beratung und Begleitung von jungen Geflüchteten mit unsicherem Aufenthaltsstatus.

Yara ist 19 und kommt aus Syrien. In Homs ging sie nur kurz zur Schule. Was ihr in ihrer schulischen Biographie fehlt, versucht sie gerade aufzuholen. In der Willkommensklasse lernt sie Deutsch, Mathe und mehr. Wenn alles gut geht, möchte sie hier einen Realschulabschluss machen und Krankenpflegerin werden. Yara steht zuerst auf und antwortet dann auf Fragen, indem sie sich setzt oder stehen bleibt. Hat sie eine Chance, ihre Familie im Urlaub zu besuchen? Nein. Yara setzt sich. Andere bleiben stehen. Wird sie, wenn stichprobenartig Fahrkarten in der Bahn kontrolliert werden, zu den Kontrollierten gehören? Höchstwahrscheinlich. Sie bleibt stehen. Es ist komisch zu stehen, wenn andere sich setzen können. Yara sieht sich um und fühlt sich gleichzeitig angestarrt, anders eben. Sie kann nicht einfach in der Menge der Menschen untergehen und möchte sich doch manchmal gerne wegducken. Weil sie sich im Deutschen unsicher fühlt, weil sie nicht weiß, was aus ihren Bekannten geworden ist, weil über ihren Asylantrag noch nicht entschieden wurde.

Willkommen auf der anderen Seite

Yara ist in diesem Moment nur die Figur eines Spiels. Eine von zehn Postkarten mit einer kurzen Personenbeschreibung, die als kleines Willkommensexperiment den Gästen der Tagung dabei helfen sollte, einen Perspektivwechsel durchzuspielen.
Sich in eine andere Rolle hineinzudenken hat erstaunliche Effekte. Die Beklemmung wird nachfühlbar. Viele der Anwesenden vollziehen den Perspektivwechsel täglich, nicht als Spiel, sondern im Arbeitsalltag. Das gilt vor allem für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendmigrationsdienste in ganz Deutschland und ihre Netzwerkpartner, die am 13. September in Berlin zusammengekommen sind. Bei der Abschlusstagung mit dem Titel „Teilhabe für junge Geflüchtete ermöglichen und gestalten“ geht es darum, Bilanz zu ziehen in einem Projekt, dessen Modellphase bald ausläuft und von dessen Erkenntnissen bei einer bundesweiten Zielgruppenöffnung alle Jugendmigrationsdienste profitieren sollen.

Von Theorie und Praxis

Der Auftakt mit Aufstehen und Hinsetzen stimmte das Publikum auf einen Tag mit viel Perspektivwechsel ein. Impulsvorträge aus Praxis und Wissenschaft wechselten sich ab mit Podien, bei denen externe Expertinnen und Experten, Netzwerkpartner und jmd2start-Mitarbeitende berichteten. Auf einem „Marktplatz“ stellten die Modellstandorte einzelne Projekte vor und in Fachforen wurden Schwerpunkte der Beratungsarbeit, beispielsweise Zugänge zu Arbeit oder Angebote für junge Frauen vertieft. Zum Abschluss zeigte die Theatergruppe OpenUp aus Hamburg eine beeindruckende Darbietung zum Thema Flucht, die auch das Publikum emotional sehr forderte. Es war eine große Stärke der Tagung, dass das Publikum sich nicht einfach passiv hinsetzen und berieseln lassen konnte, sondern immer wieder aufgerufen war, zu fragen, zu antworten, die Perspektive oder den Ort zu wechseln.

Zahlen und Fakten ganz lebendig

Ausgerechnet Zahlen und Fakten wurden in Berlin so lebendig präsentiert, dass sie auch bei Externen hängen blieben. Sie kamen nämlich von den knapp 60 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der 24 Modellstandorte im Publikum. 5.000 Jugendliche aus 79 Herkunftsländern sind in den fast zwei Jahren beraten worden. Dass hinter jeder und jedem Einzelnen dieser Gesamtzahl individuelle Geschichten und Schicksale, Beratungserfolge und Frust, Glücksmomente und Anstrengung steckten, wurde immer wieder deutlich. Bei jeder der zahlreichen Anfragen gilt es daher, genau zuzuhören und die jeweiligen Bedarfe zu erkennen.

„Wir versuchen, uns Zeit zu nehmen, gerade beim ersten Gespräch mit den jungen Menschen. Viele Ratsuchende haben ein ganzes Bündel an Fragen: Wie funktioniert Deutschland? – ob Ausbildungswege, Handyvertrag, Nahverkehr und die oft existentiellen Fragen zum Asylverfahren“, berichtet JMD-Mitarbeiter Abdulla Mehmud aus Lübeck. In enger Zusammenarbeit z. B. mit Rechtsanwälten, dem örtlichen Flüchtlingsrat, Ausländer- oder Jugendamt berät der JMD frühzeitig oder leitet an erfahrene Netzwerkpartner weiter und bewahrt so vor falschen Schritten. Teilhabe setzt voraus: die eigenen Rechte zu kennen und Abläufe zu verstehen.

Teilhabe hat viele Ebenen

Gleichzeitig bedeutet Teilhabe auch noch mehr: „Ein großer Wunsch der jungen Menschen in unserem JMD ist Kontakt zu haben mit anderen, deutschen Jugendlichen. Wir wollten für diese Begegnung Angebote schaffen“, so JMD-Mitarbeiterin Mo Leyendeckers aus Köln. Das alles funktioniert besser, wenn Kooperationspartner mitmachen. In Köln trat auch ein Musikstudio an den JMD heran - ein Glücksfall. Über mehrere Monate erarbeitete eine Gruppe von neuzugewanderten und gebürtigen Kölnerinnen und Kölner ein Musical, das erfolgreich im Sommer 2017 aufgeführt wurde. „Schon bei den Proben haben die Jugendlichen mehr für ihre Deutschkenntnisse getan, als irgendein Deutschkurs in dieser Zeit leisten könnte.“ Mehr Spaß hat es bestimmt auch gemacht, von den Kontakten ganz zu schweigen.
Teilhabe ist ein Begriff, der viel genutzt wird und dabei gar nicht so leicht umzusetzen ist. Das Motto der Tagung wurde vor allem auf den Podien lebhaft diskutiert. Was ist eigentlich Teilhabe? Und was ist gelungene Integration? „Wenn ein Mädchen mit Kopftuch auf einem Plakat erscheint, ist das schon Teilhabe? Hat sie jemand gefragt, was sie braucht - und wie sie sich einbringen möchte?“ fragt Mohammed Jouni von „Jugendliche ohne Grenzen“. Und der Hinweis ist berechtigt. Eine Formel für die schwierige Frage, wann Integration als gelungen gelten könne, gab Professorin Foroutan vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung dem Auditorium mit auf den Weg: Das Integrationsziel lasse sich mit dem Akronym ACTIV auf den Punkt bringen. ACTIV ist die Abkürzung für „Anerkennung, Chancengleichheit und Teilhabe in Vielfachgesellschaften“. Eine schöne Abkürzung – und ein anspruchsvolles Ziel, gerade wenn junge Menschen keine Möglichkeiten haben, einen Platz im Sprachkurs oder der Schule zu erhalten.

Jetzt geht es erst richtig los!

Ein kleiner, aber nicht selten als Basis wirkender Baustein für junge Geflüchtete sind dabei die bundesweit über 450 JMD. „Unser Ziel muss sein, mehr Teilhabe für junge Geflüchtete zu ermöglichen“, fasst Hanna Zängerling, die in den letzten zwei Jahren das Modellprojekt koordinierte, zusammen. „JMD-Beraterinnen und -berater können die jungen Menschen in ihren Rechten bestärken, Netzwerkpartner als Verbündete suchen und mehr Fachöffentlichkeit schaffen. Wir wollen die im Modellprojekt gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen allen Standorten möglichst schnell zugänglich machen. Die Begleitung von jungen Geflüchteten in den JMD geht jetzt erst richtig los.“

Zur Bildergalerie und Tagungsdokumentation: www.jmd2start.de