Flüchtlinge und Studium

Frau Beate Millkus Bildungsberaterin im Berliner Büro der Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule beim Jugendmigrationsdienst des CJD Berlin-Brandenburg

Frau Beate Millkus Bildungsberaterin im Berliner Büro der Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule beim Jugendmigrationsdienst des CJD Berlin-Brandenburg

Frau Milluks, die Angebote der Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule (GFH) sind sehr stark nachgefragt – Sie verzeichnen Wartezeiten für eine Erstberatung von drei bis sechs Monaten.
Was ist das Besondere an Ihrer Beratung?

Vor allem wahrscheinlich, dass wir unsere Ratsuchenden umfassend hinsichtlich ihres Bildungswegs in Deutschland beraten und unterstützen. Wir nehmen uns viel Zeit, allein bis zu eineinhalb Stunden für die Erstberatung. Es geht darum zu verstehen: Was ist das persönliche Bildungsziel, welche Bildungsschritte hin zu diesem Bildungsziel sind erforderlich? Wie ist die Gedanken- und wie die Dokumentenlage? Jemand, der zu uns kommt, geht mit einem individuellen Bildungsplan nach Hause.

Sehr attraktiv ist doch auch das finanzielle Unterstützungsangebot.

Sicherlich. Es bringt schließlich wenig nur in der Theorie zu wissen, was man machen müsste, wenn man das Geld dafür hätte. Wir bieten daher Personen mit bestimmten Aufenthaltstiteln eine finanzielle Förderung an,  damit ein Bildungsplan hin zu einem Studium auch umgesetzt werden kann: Über das Bundesprogramm Garantiefonds Hochschule werden Intensivsprachkurse gefördert und Beihilfen während der Teilnahme an einem Studienkollegkurs zum Beispiel. Hinzu kommen die Übernahme von Fahrtkosten, Mietzuschuss etc.

Das heißt die Ratsuchenden sind vor allem Personen mit Fluchthintergrund?

Zu Beginn der Förderung nach den Richtlinien des Garantiefonds Hochschule, als die Bildungsberatung noch direkt über die Otto Benecke Stiftung lief, waren vor allem Spätaussiedler die Zielgruppe. Mit der Zeit ist diese Gruppe kleiner geworden und die Zahl der Geflüchteten gestiegen. Zurzeit – und das wird nicht überraschen – sind es vor allem Syrer und Iraner, Iraker und Afghanen, die zu uns kommen. Grundsätzlich beraten wir aber alle zugewanderten Personen, die in Deutschland studieren möchten. Zu uns kommen Ratsuchende aus allen Ländern dieser Welt, da weisen wir niemanden ab.

Auch die Hochschulen bieten Studienberatung an – überschneidet sich Ihr Angebot da nicht?

Nein, denn unsere Beratung setzt zum einen sehr frühzeitig an, wenn das Bildungsziel und der Weg dahin noch unklar sind. Zum anderen sind wir ein Bundesprogramm und beraten daher mit Blick auf alle Hochschulen in allen Bundesländern – je nach Studieninteresse des Einzelnen. Die Studienberatung an den einzelnen Hochschulen ist ja in der Regel lokal auf den jeweiligen Standort ausgerichtet. Wir sprechen grundsätzlicher über den Bildungsweg, der vor jemandem liegt: Welche Sprachkurse sind sinnvoll, besteht ein Anspruch auf BAföG, wie kann ein Umzug zur Wunschhochschule trotz Wohnsitzauflage funktionieren, was passiert während der Wartesemester … Danach vermitteln wir natürlich auch an die Studienberatung einer Hochschule.

Ihre Beratung ist also eine Art Schnittstellenberatung.

Genau. Das ist einer der Gründe, warum wir so gefragt sind: Wir können institutions- und bundeslandübergreifend beraten. Für viele beenden wir dadurch das Institutionen-Hopping bei der Informationssuche. Das ist eine enorme Erleichterung für die Ratsuchenden: Sie erhalten Antworten auf Fragen nach der Bewertung von Zeugnissen, Studienwahl, -ort, -bewerbung und -finanzierung. Und wenn wir keine Antwort haben, sprechen wir gemeinsam mit den zuständigen Ausländerbehörden, Anerkennungsstellen, Hochschulen …

Warum ist die themenübergreifende Beratung so wichtig?

Wissen Sie, wir haben es mit individuellen Bildungsbiographien zu tun. Da gibt es keinen Standard, auf den man verweisen kann und wo man weiß: Wenn ich die Ratsuchenden jetzt weiterschicke, dann finden sie bei der nächsten Anlaufstelle oder Behörde schon ihren Weg. Wenn wir den Weg als kontinuierlichen Ansprechpartner mitgehen, gibt es Aussicht auf Erfolg.

Besonders bei Themen wie der Wohnsitzauflage vermutlich.

Ganz genau. Wenn wir für eine Person einen sinnvollen Weg für die weitere Bildung identifiziert haben, kann das auch bedeuten, dass jemand umziehen muss. Unsere Zielgruppe hat aber häufig eine Wohnsitzauflage, die nur per Antragstellung aufgehoben werden kann und da wissen wir, welche Argumentationsketten wichtig sind. Und selbst wenn wir unterstützen, funktioniert es manchmal nicht – aber das ganz alleine durchzubekommen, ist für die betreffende Person sehr schwer.

Bevor es aber soweit ist, steht ein langer, arbeitsintensiver Prozess bevor. Wie genau
gehen Sie in der Beratung vor?

Wir müssen auf der einen Seite erklären und aufklären, was auf Grundlage der mitgebrachten Qualifikationen geht und vor allem: was nicht geht. Wünsche und Möglichkeiten klaffen da manchmal auseinander … etc

Sie spielen an auf das große Interesse an Medizin und Ingenieurwissenschaften

Ja. Etwa jeder zweite, der zu uns kommt, möchte Human- oder Zahnmedizin studieren.

Wie gehen Sie damit um?

Zunächst einmal respektiere ich diesen Wunsch. Ich erkläre die Fakten, also z.B. auf wie viel Wartezeit man sich einstellen muss. Und ich stelle die Frage: Ist das wirklich der Traumberuf? Ist eine Alternative denkbar? Dann gehen wir in den Prozess, Interessen und Stärken herauszufinden. 

Das heißt Sie machen einen Studien-Interessentests?

Auch. Aber oft müssen wir noch weit vorher ansetzen. Zum Beispiel fragen die jungen 19-20-jährigen Syrer häufig: ‚Welches Studienfach empfehlen Sie mir?‘ Ich gebe den Ball dann zurück: ‚Was wollen Sie denn, was interessiert und begeistert Sie?‘ Über diese Frage sind sie meistens ganz überrascht. Für uns in Deutschland ist diese Frage so selbstverständlich: Was magst du gern? Da kann ich gleich drauf losreden. In anderen Ländern hat man nicht unbedingt gelernt, diese Frage im beruflichen Zusammenhang zu beantworten, in sich hineinzufühlen. Jemanden dafür zu öffnen, der sich diese Gedanken noch nie wirklich gemacht hat, ist nicht immer einfach.

Gelingt es Ihnen am Ende?

Natürlich möchten einige Ratsuchende von mir als Beraterin hören, was sie am besten studieren sollten. Zu den aktuellen Arbeitsmarktchancen kann ich natürlich etwas sagen. Aber darum geht es ja hier zunächst nicht, sondern vielmehr um persönliche Neigungen, Interessen und Fähigkeiten. Es gibt nichts Schlimmeres als eine fehlgetroffene Berufsentscheidung. Das ist dann ein Prozess, bei dem wir den Ratsuchenden zur Seite stehen. Unser Ansatz ist systemisch, das heißt wir gucken uns das Gesamtbild an: individueller Hintergrund, Gedanken, Neigungen, Noten. Und wir bewegen die Ratsuchenden auch dazu, sich selbständig Informationen zu beschaffen. So kommen sie in den Prozess der Auseinandersetzung mit sich selbst. Am Ende dieser gemeinsamen Arbeit stehen dann Plan A, B und C. Das gibt Halt und Orientierung.

Aber dafür braucht man viel Zeit und Personal. Vielen Institutionen fehlt es an beidem. Was tut man da?

Man muss eben Abstriche machen und Prioritäten setzen, entweder beim zeitlichen Umfang pro Beratung oder der Anzahl an Personen, die man beraten kann. Wir schaffen hier in Berlin in einem Monat zu zweit etwa 180 Beratungen. Da muss jeder für sich sehen: Welche Kapazität habe ich, wie viel kann ich bewältigen? Das ist besonders dann eine Herausforderung, wenn man in den abgelegeneren Gebieten im ländlichen Raum die mobilen Beratungen durchführt und mit einer Vielzahl von Ratsuchenden konfrontiert ist, die seit Monaten auf einen Beratungstermin warten…

… wenn Sie also nach Mecklenburg-Vorpommern rausfahren?

Ja. Wenn ich dort ankomme, stehen da schon 20 Ratsuchende und warten. Für diese Menschen bin ich oft die Hoffnungsträgerin, da verzichte ich aufs Mittagessen, trinke meinen Kaffee nebenbei, um möglichst alle an dem Tag beraten zu können. Mit Hin- und Rückfahrt sind das zum Teil 18 Stunden-Tage. Aber damit kann ich natürlich keinen Personalmangel wettmachen. Und auch nicht die enormen Nachteile hinsichtlich der Bildungsinfrastruktur, die Geflüchtete haben, die im ländlichen Raum untergebracht sind.

Welche Möglichkeiten haben diese Geflüchteten?

Es gibt natürlich auch da Wege. Aber die sind sehr aufwändig. Nehmen wir das Beispiel einer afghanischen Familie, die wir über mehrere Jahre betreut haben: Die Eltern lebten mit ihren vier Kindern in Syrien bevor sie nach Deutschland flohen, drei Kinder hatten in Syrien bereits das Abitur absolviert bzw. ein Studium begonnen. Dann wurde das Haus von einer Bombe zerstört und sie haben buchstäblich alles verloren – inklusive aller Bildungsnachweise. Und so jemand findet sich wieder mitten in einer kleinen Stadt in Brandenburg, fernab von jedweder Hochschule. Die drei Kinder waren hochmotiviert und ich habe ihnen gesagt: Der schnellste und bestmögliche Weg zum Studium ist ein geförderter Sprachkurs in Berlin und dann der Besuch des zweijährigen Sonderlehrgangs in Hanau, wo sie das deutsche Abitur erwerben können. Heißt: Erst aufwändiges Pendeln vom Wohnort zum Sprachkurs-ort, dann Umzug von Brandenburg nach Hessen. Da mussten alle natürlich schlucken – das war ein langer Prozess mit Familienratssitzung und allem Drum und Dran. Aber drei Jahre später haben wir da drei junge Erwachsene mit Abitur und Bestnoten und größten Chancen auf die gewünschten Studienplätze.

Sind das Einzelfälle sehr engagierter Studieninteressierter?

Nein. Die allermeisten Ratsuchenden sind sehr motiviert und bringen gute Bildungsnachweise mit. Sie möchten unbedingt studieren und schnellstmöglich informiert sein, wie der Weg dahin aussieht.

Und einige bewerben sich an 10, 20 Hochschulen gleichzeitig. Ist das nicht ein Zeichen von Orientierungslosigkeit?

Nein, es ist vor allem auch ein Zeichen von Flexibilität und Hartnäckigkeit. Ist doch logisch: Wenn ein Studiengang zulassungsbeschränkt ist, dann bewerbe ich mich natürlich an so vielen Hochschulen wie möglich. Ganz ehrlich: Ich bin dann hocherfreut darüber, dass jemand sein Ziel räumlich betrachtet so flexibel angeht. Es geht doch darum, sich für eine Studienrichtung seiner Wahl zu entscheiden, und nicht ausschließlich für eine bestimmte Hochschule.

Hier wird das Schlagwort „Integration“ ja sehr greifbar und konkret: Man gibt einen Impuls, indem man erklärt, wie das System funktioniert und was für das Individuum möglich ist. Der Rest ergibt sich dann ganz von selbst – könnte man das so formulieren?

Ja, durchaus. Wenn wir gemeinsam mit dem Ratsuchenden einen Bildungsplan erstellen und die nächsten Schritte definieren, dann ist das eine Handlungsgrundlage. Die wird aber nur dann konkret, wenn sie mit einer Zeitplanung verknüpft ist. Eine Zeitplanung wiederum kann ich nur machen, wenn genügend Fördermittel da sind – denn nur dann weiß ich, dass ich den Ratsuchenden zu einem Zeitpunkt x in der nahen Zukunft einen neuen studienvorbereitenden Sprachkurs vorschlagen kann. Genau diese konkrete individuelle Planung ist der rote Faden, über den eine Integration in unser Bildungssystem gelingt – und darüber letztlich auch in unsere Gesellschaft.

Dieses Interview wurde ursprünglich veröffentlicht im Magazin "Flucht und Studium" von uni-assist e. V. Das Magazin ist Teil des Projekts "Kostenfreies uni-assist Prüfverfahren für Geflüchtete in Deutschland", das aus Mitteln des BMBF gefördert wird.

Zum Magazin "Flucht und Studium" von uni-assist e. V. Ausgabe #217 geht es  hier