„In jeder freien Minute Deutsch lernen und viel Bürokratie“ Von der Erstaufnahme-Einrichtung an die Universität

Case Managerin Amela Jakupovic (VFBB e. V. Speyer) und Herr Abd Alrahman Alkurdi (Teilnehmer JUSTiQ) im Gespräch

Case Managerin Amela Jakupovic (VFBB e. V. Speyer) und Herr Abd Alrahman Alkurdi (Teilnehmer JUSTiQ) im Gespräch

Die Gefahren und die Ungewissheit, überhaupt lebend anzukommen, ließ ihn die Flucht aus Syrien alleine antreten - seine Familie bestärkte ihn in dem Gedanken, zu flüchten und unterstützte ihn dabei.  Herr Abd Alrahman Alkurdi ist 1991 in Syrien geboren, von September 2009 bis Juli 2015 studierte er an der Tishreen Universität, Fakultät für Mechanik und Elektrotechnik, in Syrien.

„Ich wusste, dass ich direkt am Tag nach meiner Bachelorprüfung fürs Militär zwangsrekrutiert werde. Nur ein Studium an der Universität schützt junge syrische Männer davor. Deshalb bin ich sofort geflohen. Dass ich die Prüfung bestanden hatte, wusste ich. Aber die Prüfungsergebnisse kamen erst Monate später.“ Seine Ehefrau, die Mutter und drei Brüder musste er im Heimatland zurücklassen. „Im Dezember 2015 hat meine Mutter mein Zeugnis abgeholt und mir hier her geschickt“.

Der heute 26-jährige syrische Ingenieur flüchtete am 25. Juli 2015 und kam im September 2015 in Deutschland an. Seitdem hat er die Zeit gut genutzt: Zunächst war Herr Alkurdi ein Tag in Trier und wurde dann in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Birkenfeld gebracht. Dort arbeitete er von September bis November 2015  als ehrenamtlicher Helfer und Dolmetscher (arabisch-englisch) bei der Kleiderkammer in der Erstaufnahmeeinrichtung.  Seit Januar 2016 absolvierte er bei der Volkshochschule Integrationskurse ab Sprachniveau A1. In der Speyerer Sammelunterkunft stellten Mitarbeiter des VFBB (Verein zur Förderung der beruflichen Bildung) e. V. den Flüchtlingen Ende 2016 das Projekt „JUGEND STÄRKEN im Quartier“ vor. Herr Alkurdi nahm teil und vereinbarte sofort einen Beratungstermin bei Frau Amela Jakupovic, der Case Managerin und Ansprechpartnerin im Programm. Sie nahm Herrn Alkurdi als Teilnehmer auf und unterstützte ihn 6 Monate lang.

Als wir am 24. Mai 2017 Herrn Alkurdi zum Interview treffen, spricht er sehr gutes Deutsch und steht kurz vor der B2-Sprachprüfung. Er weiß, wie wichtig gute Sprachkenntnisse sind, wenn er in Deutschland arbeiten möchte. Stolz berichtet er von seiner Aufnahme in die „Ingenieurwissenschaftliche abschlussorientierte Qualifizierung für Zuwanderer (IAQ)“ der Universität Kaiserslautern, Campus Zweibrücken, die er am 3. Juli 2017 beginnen wird. Diese Nachricht hatte er gerade am Vortag erhalten.

Case Managerin Amela Jakupovic gratuliert ihm zu diesem Erfolg – sie hatte diesen Weg angebahnt. Da sie große Potenziale in Herrn Alkurdi sah, recherchierte sie, forderte Unterlagen an, unterstützte ihn beim Ausfüllen der Anträge und stellte die Verbindung zur Universität Kaiserslautern her. Weiterhin konnte Herr Alkurdi zwischen September 2016 und April 2017 mit Hilfe der Case Managerin und ihrer Kollegin aus der aufsuchenden Arbeit, Frau Silke Kimmel, eine eigene kleine Wohnung finden. Beide unterstützen ihn bei der Erstellung aussagekräftiger Bewerbungsunterlagen. Die gute Kooperation mit der zuständigen Kollegin des Jobcenters war für diesen wichtigen Lebensabschnitt von Herrn Alkurdi von großer Bedeutung. Case Manager Stephan Brader vermittelte dem Teilnehmer ein Praktikum in einem Speyerer Unternehmen, um erste Erfahrungen am deutschen Arbeitsmarkt zu sammeln.

Im Auswahlverfahren der Universität Kaiserslautern konnte Herr Alkurdi als einer von 150 Bewerbern in Tests und im Einzelgespräch überzeugen. Nur 16 Personen wurden für die Qualifizierung zugelassen – Herr Alkurdi war dabei. „Ich habe gestern Abend mit meiner ganzen Familie telefoniert, alle freuten sich mit mir“, erzählt er erleichtert. Ab Juli 2017 wird er zunächst sechs Monate am Campus Zweibrücken studieren. In der anschließenden sechsmonatigen Praxisphase kann er die erworbenen Kenntnisse in einem Unternehmen beweisen. Im Juli 2018 wird er Abschluss-Zertifikate erhalten, die seine Kompetenzen detailliert bestätigen -  für den jungen Ingenieur ist das die Eintrittskarte in den deutschen Arbeitsmarkt.

Von seinem Praktikum und den ersten Erfahrungen im deutschen Arbeitsalltag berichtet er: „Ich war überrascht! Die Deutschen geben bei der Arbeit immer 100 Prozent“, erzählt der 26-jährige. „In Syrien sagt man, die Deutschen funktionieren wie Maschinen und das stimmt! Sprechen Syrer von hoher technischer Qualität meinen sie ‚made in Germany‘ - ob das Autos sind, Elektrogeräte oder die Deutsche Fußballmannschaft“, erzählt er lächelnd. Für Herrn Alkurdi ist die hohe Arbeitsdisziplin das typischste deutsche Merkmal. Er fand sich gut zurecht, sein hohes Engagement wurde in einem Arbeitszeugnis bestätigt. Weiter erzählt er, „Und ich war auch enttäuscht, enttäuscht, dass ich nur drei Wochen arbeiten durfte“. Case Managerin Amela Jakupovic erklärt, dass sich das Unternehmen an die gesetzlichen Vorgaben gehalten hat. Inzwischen kennt sich Herr Alkurdi mit den Gesetzen gut aus. Er weiß, wie wichtig Bürokratie in Deutschland ist. Seit er hier ist, füllt er Formulare aus und stellt Anträge.

Sein Bachelorzeugnis wurde übersetzt und anerkannt, sein Pass weist seit 16. Januar 2017 die dreijährige Aufenthaltsgenehmigung auf. All diese Dokumente sind wichtig, um sein größtes Ziel zu verfolgen: In Deutschland als Ingenieur zu arbeiten.

Herr Alkurdi sagt heute: „Es ist für mich erstaunlich, zu sehen, wie viele Ressourcen Deutschland in die Flüchtlingshilfe steckt. Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung in diesem Projekt und bemühe mich sehr, durch die Qualifizierung in Zweibrücken wichtige Kenntnisse über den deutschen Arbeitsmarkt zu erwerben. Sicher kann ich dort meine berufsspezifischen Sprachkenntnisse verbessern. Gleichzeitig möchte ich mein Wissen aus dem syrischen Studium mit den Kenntnissen aus Deutschland erweitern und mich dadurch weiter qualifizieren“.

Auf die Frage, wo er sich in fünf Jahren sieht, antwortet er: „Hier kann ich sicher leben, ich möchte als Ingenieur arbeiten und bald meine Ehefrau nachholen. Aber Syrien ist meine Heimat, meine Familie lebt dort. Wenn der Krieg vorbei ist, möchte ich zurück. Ich will helfen, mein Land wieder aufzubauen. Es ist alles kaputt, wir brauchen alles neu“.

Unser Teilnehmer verabschiedet sich mit dem Versprechen, uns weiter über seinen Werdegang zu berichten. Wir wünschen ihm viel Erfolg.