Mit dem Tandemprojekt besser ankommen - ein Erfolgsmodell aus drei Perspektiven

Ausflüge gehören ebenso zur Tandem-Zeit wie Formulare ausfüllen: Sana Adeb (links) und Christiane Knoblach bei einer Freizeitaktion. Bildnachweis: JMD Bad Kreuznach

Ausflüge gehören ebenso zur Tandem-Zeit wie Formulare ausfüllen: Sana Adeb (links) und Christiane Knoblach bei einer Freizeitaktion. Bildnachweis: JMD Bad Kreuznach

 Die Organisatorin: Brigitte Hampel vom JMD Bad Kreuznach

„Das Tandemprojekt ist entstanden, weil wir gesehen haben, dass jugendliche Flüchtlinge mit dem Alltag oft überfordert sind. Fragen klären sich am besten im persönlichen Gespräch. So kamen wir auf die Idee, ihnen Tandem-Partnerinnen und -Partner zur Seite zu stellen. Bei Tandems geht es nicht nur um Informationsaustausch und Hilfe, sondern darum, dass eine persönliche Beziehung entsteht. Es wird auf die Bedürfnisse der jungen Menschen eingegangen ohne das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ aus den Augen zu verlieren. Inzwischen haben wir 17 ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren und 27 jugendliche Mentees aus dem Modellprojekt jmd2start zusammengebracht. Manche Mentorinnen und Mentoren begleiten mehrere Jugendliche – z.B. wenn Geschwister oder Freunde gemeinsam hier sind.

Damit das Projekt gelingt, sind verschiedene Faktoren wichtig:

Vor allem sind geeignete Ehrenamtliche nötig. Zum Glück bin ich in Bad Kreuznach gut vernetzt und kann viele Leute direkt ansprechen. Zusätzlich arbeiten wir mit der örtlichen Ehrenamtsbörse zusammen. Wir suchen gezielt nach Menschen, die Erfahrung mit Jugendlichen haben, also pensionierte Pädagoginnen und Pädagogen, Personen, die in Vereinen aktiv sind oder Eltern. Generell sollten sie Verständnis für Probleme junger geflüchteter Menschen mitbringen, anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen sein und die Bereitschaft haben, sich einzubringen.

Natürlich kann man Ehrenamtlichen nicht einfach die Arbeit überlassen.

Mentorinnen, Mentoren und Mentees brauchen eine hauptamtliche Ansprechperson. Deshalb kümmere ich mich im Rahmen meiner Arbeit ausschließlich um dieses Tandemprojekt. Ich bin die Konstante: Urlaubsvertretung, Schnittstelle zu Behörden und Anlaufstelle bei Problemen. Neulich hat eine Jugendliche mit Hilfe ihres Ehrenamtlichen eine Ausbildungsstelle gefunden, aber ihr fehlte das Geld für die Fahrkarte. Dann ist es mein Job, bei Ämtern anzufragen und Anträge zu stellen. Es geht aber nicht nur um kleine Schritte, sondern auch um das „große Ganze“: das Ziel einer gelingenden Integration und das Funktionieren des Tandems. Deshalb nehmen die Ehrenamtlichen an interkulturellen Trainings teil. Es ist wichtig, dass sie sich Gedanken machen, wie die jungen Menschen im Herkunftsland aufgewachsen sind, was prägend war und wie das den Prozess des Ankommens in Deutschland beeinflusst. Gleichzeitig dürfen sie sich nicht überfordern. Deshalb stehe ich für Gespräche bereit, sie tauschen sich mit anderen Ehrenamtlichen aus und erhalten alle fünf Wochen Supervision. Wenn sie alleine gelassen werden, kommt es leicht zu Frust und Überforderung -  und damit steigt dann auch die Gefahr, dass sie abspringen. 

Ich bin immer wieder überrascht, was Ehrenamtliche bewegen können.

Da werden Wohnungen gefunden, Umzüge organisiert, Ausflüge geplant, Praktika und Ausbildungsstellen aufgetan und Vieles mehr. Das klappt, weil die Ehrenamtlichen eigene Netzwerke einbringen. Die Jugendlichen knüpfen an Familie und Freundeskreis an, kommen mit zum Sport und lernen das Leben hier aus verschiedenen Perspektiven kennen. Gleichzeitig bringen sie eigene Erfahrungen mit. Das ist das Tolle: Alle werden Multiplikatoren. So wirken Tandems in verschiedene Richtungen.“

Die Ehrenamtliche: Christiane Knoblach aus Bad Kreuznach

„Ich bin gelernte Erzieherin und im Tanzverein aktiv. Als Brigitte Hampel mich angesprochen hat, war für mich selbstverständlich, dass ich mitmache. Heute kümmert sich meine Familie um vier Jugendliche aus Afghanistan. Die drei jungen Frauen und den jungen Mann begleiten wir in allen möglichen Situationen. Scheinbar einfache Sachen wie Arzttermine werden kompliziert, wenn man die Sprache und die hier übliche Gesundheitsvorsorge erst kennenlernt. Eines der Mädchen musste am Magen operiert werden. Ich habe sie rund um die OP unterstützt, bei Voruntersuchungen, Überweisungen oder Zuzahlungen.

Durch den Austausch mit den Jugendlichen habe ich viel gelernt.

Ein großes Problem ist für die Frauen, dass sie in Afghanistan unselbstständiger gelebt haben. Sie durften keine Entscheidungen treffen und sich nicht alleine in der Öffentlichkeit bewegen. Der von mir begleitete junge Mann sagte neulich zu mir: „Weißt du, was das Schönste ist? Dass ich hier über alles nachdenken darf.“ Er hatte in Afghanistan für eine Organisation gearbeitet, die zu Unrecht inhaftierte Frauen unterstützt hat. Deshalb wurde er verfolgt. Wenn er von seiner Vergangenheit eingeholt wird und ihn das Erlebte belastet, sage ich ihm, dass er hier neu anfangen kann und selbst entscheiden darf, für wen er sich einsetzt. Diese Erkenntnis lässt ihn sichtlich stabiler werden.

Was mich fasziniert: Wenn ich etwas anstoße, nehmen die jungen Menschen das in die Hand und machen etwas daraus.

Am Anfang sah ich immer die Gefahr, dass sie denken, sie müssen alles genau so machen, wie wir das sagen. Deshalb habe ich mir das Ziel gesetzt, ihnen immer nur die Fakten zu geben, damit sie das Problem selbst lösen. Das ist ein mühsamer Weg, aber ich sehe große Fortschritte. Die jungen Menschen sind sehr stolz, wenn etwas klappt und wir freuen uns dann gemeinsam.
Wenn ich mit Bekannten über das Thema Geflüchtete spreche, bringe ich meine Tandem-Erfahrungen ein und rege so zum Nachdenken an. Manchmal kann ich überzeugen und sie hinterfragen eigene Vorurteile. Insgesamt finde ich, dass unsere Stadt offener geworden ist. Hier entstehen Begegnungsstätten, in denen sich alle treffen. Das ist gigantisch.

Die Jugendliche: Sana Adeb* aus Afghanistan

Der Anfang hier in Deutschland war sehr schwer für mich.

Ich kannte nichts und hatte keine Ahnung, wie ich einen Sprachkurs machen kann. Als afghanischer Flüchtling durfte ich keinen Integrationskurs besuchen. Das war im Jahr 2015. Zum Glück hat mir der IB einen Jugendkurs angeboten. Dort habe ich Brigitte Hampel vom JMD kennengelernt. Sie hat mich mit Christiane Knoblach zusammengebracht. Frau Knoblach kenne ich seit 14 Monaten. Für mich ist sie wie ein großer Engel.

Sie hat mir sehr geholfen und mir so vieles erklärt.

Von Anfang an konnte ich mit meinen Problemen zu Frau Knoblach kommen. Wir haben auch viele Fragen besprochen, z.B. warum ich für Gespräche bei Ämtern oder Ärzten einen Termin brauche und nicht einfach hingehen kann.
Gerade mache ich eine Einstiegsqualifizierung. Danach werde ich mit einer Ausbildung zur Fachdienstleiterin in der Arbeitsverwaltung beginnen. Den Kontakt habe ich bei der „Langen Nacht der Ausbildung“ bekommen, bei der ich mit Frau Knoblach war. 
Für mich war fast alles neu. Ich musste bei so vielen Dingen von Null anfangen. Hier habe ich ganz neu gelernt, was eine Frau alleine alles machen kann. Bei uns in Afghanistan sind Frauen oft abhängig von Männern. Hier lerne ich, anders mit Problemen umzugehen. Ohne Frau Knoblach hätte ich das nie geschafft.“

 

Weitere Infos

Zum JMD in Bad Kreuznach:  www.jugendmigrationsdienste.de

Modellprojekt jmd2start der Jugendmigrationsdienste:  http://www.jmd2start.de/