Beats und Raps bringen junge Menschen zusammen

Premiere - die Band Project One spielte am Festabend ihr erstes Konzert Foto: Aristos. A. Cimermane

Premiere - die Band Project One spielte am Festabend ihr erstes Konzert Foto: Aristos. A. Cimermane

Bericht aus einem Modellstandort von „jmd2start“.

An derzeit 457 Standorten der Jugendmigrationsdienste in ganz Deutschland erhalten junge Migrantinnen und Migranten bis 27 Jahre  Beratung und Begleitung zum Thema Schule, beim Erlernen der deutschen Sprache oder bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz sowie bei Fragen rund um den Alltag. Seit September 2015 ist dieses Angebot auch für junge Flüchtlinge (junge Menschen mit Duldung oder Aufenthaltsgestattung) offen - zunächst an 24 Standorten im Rahmen eines Modellprojekts – damit sie möglichst schnell kompetente Beratung über den Zugang zu (Weiter-) Bildungsmöglichkeiten erhalten und nicht wertvolle Zeit bis zum Abschluss des Asylverfahrens verloren geht. Seit Januar 2017 werden an allen JMD-Standorten junge Flüchtlinge beraten und begleitet, die sich rechtmäßig in Deutschland aufhalten.

Unter dem Titel „together as one“ hat der Jugendmigrationsdienst in Lahr/Ortenaukreis im Rahmen des Modellprojekts jmd2start ein beeindruckendes Integrationsprojekt auf die Beine gestellt. Das Abschlussfest zeigte: Über ihre Kreativität und den Spaß an der Musik haben die jungen Menschen schnell und intensiv zusammengefunden.

Im Ortenaukreis im Schwarzwald kam, wie in so vielen Regionen, einiges in Bewegung, seit 2015 viele geflüchtete Menschen nach Lahr kamen: Über 4.000 Menschen fanden hier eine neue Heimat. Der Jugendmigrationsdienst (JMD) Lahr ist ein wichtiger Akteur der Integrationsarbeit vor Ort, an den sich nicht nur Flüchtlinge wenden, sondern auch Personen, die aus anderen Gründen in den letzten Jahren in den Südwesten zugewandert sind. Sie alle suchen Unterstützung bei ihren Fragen: „Wir haben 70 bis 80 Besucherinnen und Besucher pro Woche, davon um die 40 intensivere Beratungsgespräche“, erklärt Felix Neumann vom JMD Lahr. Als das Modellprojekt „jmd2start – Begleitung für junge Flüchtlinge“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2015 an den Start ging, wurde schnell klar: Mit Kreativität und guter Netzwerkarbeit lassen sich hier Maßstäbe setzen.

Lahr, das 43.000-Seelen-Städtchen im Breisgau besticht vor allem mit einer grandiosen Landschaft und vielen schön erhaltenen Häusern. Im Herbst findet die „Interkulturelle Woche“ mit vielen Aktionen rund um Vielfalt und Teilhabe statt. An dieser Stelle kommt „together as one“ ins Spiel. Über neun Monate hatte das Projekt des JMD in sechs verschiedenen Workshops Aktivitäten für junge Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten sowie deutsche Jugendliche organisiert. Bis zu 150 junge Menschen unter anderem aus Eritrea, Syrien, Nigeria, Afghanistan, Kosovo, Gambia und Deutschland tanzten, malten, rappten und fotografierten. Beim Abschlussfest Mitte November 2016 gab es ein beeindruckendes Programm im Schlachthof Lahr, einem Kultur- und Jugendzentrum.

Raus aus dem Camp, rein ins Projekt

In Lahrer Unterkünften leben derzeit knapp 700 Menschen, davon 340 im Camp des Lahrer Flughafens. Viele von ihnen wünschen sich mehr Kontakt zu Leuten außerhalb des Camps. „Ankommen durch Einbeziehung“ ist daher das Motto. In einem Workshop mit „coolen Leuten“ sollte soziale Teilhabe am Anfang stehen. Und dann geht es auch mit dem Sprachelernen viel  einfacher.

Workshop-Zutaten: die richtigen Themen – coole Leute - professionell angeleitet

Der Hip-Hop-Workshop stieß auf große Begeisterung. Mit dabei der 27-jährige Yaya Singhateh: er spielte im westafrikanischen Gambia eigentlich Reggae, aber im JMD-Projekt wollte er sich gemeinsam mit Gleichgesinnten neu ausprobieren. Wie toll das geklappt hat, beschreibt er so: „Musik bringt uns zusammen. Da gibt’s keine Sprache, deshalb haben wir uns wunderbar verstanden.“ Issa Assad aus Syrien bestätigt das: „Rap ist meine Lieblingsmusik“, erzählt er. „Und über die Musik haben wir uns richtig gut kennen gelernt.“

Und das kann man hören! Zum selbst getexteten und komponierten Song entstand sogar ein Video, das Felix Neumann am Festabend zeigt. Jeder Teilnehmer durfte eine Strophe beisteuern, und so rappen die Jungs über ihre Heimat und die Strapazen der Flucht, über das Ankommen in der Fremde und über ihre Hoffnungen. Und immer wieder kommt raus: „Zusammen sind wir eins.“ Nicht in jeder Gruppe entstanden sofort Freundschaften, aber die Kontakte blieben auch, nachdem das Lied in einem professionellen Musikstudio aufgenommen wurde.

„Genau das wollten wir erreichen“, erklärt Felix Neumann. Er weiß, wie man sowas anpackt, denn gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Till bildet er das Hip-Hop-Duo „Zweierpasch“, das dem Workshop seine professionelle Note verlieh. Zweierpasch versteht sich nicht nur als Band, sondern auch als Bildungsinitiative, die sich für interkulturellen Austausch in einem friedlichen Europa einsetzt.

Und so geht es weiter im bunten, abendlichen Abschlussprogramm. Bilder werden gezeigt, die in einem Mal-Workshop entstanden sind. Mit viel Kreativität haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Visionen ihrer ganz persönlichen Zukunft dargestellt. In einem Fotoworkshop für Handy-Kameras haben junge Flüchtlinge gemeinsam mit deutschen Jugendlichen einen Tag lang in einem Freiburger Park sich selbst, ihre Gegenüber und ihre Umgebung fotografiert. Wer weiß, wie wichtig Fotografie für die Identitätsdarstellung ist, der ahnt, wie tief auch dieser vermeintlich simple Kurs für die Jugendlichen gegangen sein mag.

Die Chance von Gruppenangeboten

„Bei allen Einzelprojekten muss man immer wieder sagen, dass wir durch den Zuschuss der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit natürlich sehr im Vorteil waren “, erklärt Felix Neumann rückblickend. Den finanziellen Eigenanteil hatte das Diakonische Werk Ortenau gestellt – und mit sehr viel ehrenamtlichem Engagement sind Workshops entstanden, die als Pilotprojekte auch in anderen Einrichtungen der Jugendsozialarbeit Beachtung finden sollten.

Wobei das JMD-Team nicht leugnet, dass es oft schwierig ist und gute Nerven braucht, um immer wieder alle Beteiligten zusammen zu bringen. Da muss man oft noch kurz vor Beginn die Interessierten persönlich anrufen und sie an ihre Teilnahme erinnern. „Es ist ganz wichtig, dass die Mitwirkenden wissen, worauf sie sich einlassen“, erzählt JMD-Mitarbeiterin Gaby Moser ernst. Pünktlichkeit ist ein schwieriges Thema, Zuverlässigkeit und Durchhaltevermögen auch. „Man muss oft einfach gelassen bleiben.“

Eigene Grenzen und neue Horizonte

Neue Horizonte sind das Ziel, aber stößt man auch an Grenzen? Neumann lächelt und nickt. Beispielsweise im Tanzworkshop, den das Team von „Szene 2wei“ durchführte: Hier hatten einige anfangs Interessierte offensichtlich Schwierigkeiten mit den Teilnehmenden aus einer Behindertengruppe und brachen ab. „Da gibt es wohl Grenzen, gerade auch der Körperlichkeit“, erklärt Gaby Moser. Andere haben umso mehr davon profitiert. Mohammed Hoto aus Syrien, der auch schon in seiner alten Heimat in Tanzgruppen aktiv war, fühlte sich in dem Workshop gut aufgehoben. Der 22-jährige fand das Arbeiten mit Menschen aus allen Ländern und die Möglichkeit „Tanz als Sprache“ zu erfahren umwerfend. „Ich wünschte, es gäbe mehr solche Workshops“ erklärt er, auch um den Umgang mit Menschen im Rollstuhl zu lernen und die Furcht vor dem öffentlichen Auftritt zu meistern.

Das wurde geschafft! „Project One“, die frisch gegründete Band des Projekts, spielte stimmungsvolle Liebeslieder, fetzige Rocksongs und natürlich jede Menge Hip-Hop – eben alles, - was junge Menschen über Grenzen hinweg gerne hören.

Wie war das noch? „Wenn man so professionell arbeiten darf, dann ist das schon eine Kirsche auf einer eh schon sehr bunten Torte“, hatte Felix Neumann vor einigen Stunden erzählt. Die Torte, die das Projekt „together as one“ in Lahr backen durfte, ist in der Tat sehr bunt und fantasievoll! „Als wir das Projekt beantragt und vorgestellt haben“ berichtete Neumann, „hat uns die Landesarbeitsgemeinschaft gesagt ‚Ihr dürft auch scheitern’. Aber wir sind nicht gescheitert. Ganz im Gegenteil!“

Videoclip zum Musikprojekt des JMD Lahr: TAO-Crew & Zweierpasch - Together as One