Ein Zaun, der verbindet / Jugendmigrationsdienst Neubrandenburg eröffnet Fotoausstellung

Zordi: „Für mich war es gar keine Frage, dass ich mitmache. Es ist wichtig zu wissen, wie und warum die Menschen hierhergekommen sind. Wenn ich all die Geschichten lese, weiß ich, ich bin mit meiner Erfahrung nicht alleine.“

Zordi: „Für mich war es gar keine Frage, dass ich mitmache. Es ist wichtig zu wissen, wie und warum die Menschen hierhergekommen sind. Wenn ich all die Geschichten lese, weiß ich, ich bin mit meiner Erfahrung nicht alleine.“

Am Zaun des JMD in Neubrandenburg verlangsamen Passantinnen und Passanten ihren Schritt. Sie betrachten Gesichter und lesen Geschichten dazu. Es sind Geschichten von Menschen aus Neubrandenburg, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

 Zordi aus Syrien, Doris aus Weimar, Alireza aus Afghanistan, Jakob aus Kasachstan, Melwin aus Hamburg, Ingrid aus Polen, Tereza aus Tschechien, Jörg aus Goldberg, Yonas aus Eritrea. Sie alle haben etwas gemeinsam: Heute leben sie in Neubrandenburg, einer Stadt mit etwa 65.000 Einwohnern in Mecklenburg-Vorpommern und keiner von ihnen ist dort geboren. Noch etwas haben sie gemeinsam: Sie sind Teil der Ausstellung „Wege nach Neubrandenburg. Migration hat viele Gesichter“, die kürzlich beim Jugendmigrationsdienst der AWO eröffnet wurde.

Viele Wege führen nach Neubrandenburg

Die Portraits sind fast lebensgroß und hängen am Zaun des AWO Migrationszentrums. Neun Bilder und neun Lebensgeschichten können sich Passantinnen und Passanten im Vorbeigehen anschauen und durchlesen. Zordi ist 2015 nach Neubrandenburg gekommen, Ingrid 1962, beide waren auf der Flucht. Anders als Doris, die 1961 hierhin versetzt wurde, oder Melwin, der vor fünf Jahren beschloss, in Neubrandenburg zu studieren und dafür seine Heimat Hamburg zu verlassen. Die Bilder und die Geschichten sind so unterschiedlich, wie Menschen nur sein können. Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Hintergründen, in unterschiedlichen Lebensphasen und mit ganz eigenen Lebensgeschichten. Die Aussage der Ausstellung ist einfach und  klar: Migration ist kein Thema, das erst im Jahr 2015 nach Deutschland kam, auch wenn die Berichterstattung manchmal diesen Eindruck erweckt. Migration hat es immer schon gegeben. Immer schon haben Menschen ihren Geburtsort verlassen. Freiwillig oder unfreiwillig haben sie ihr Leben an anderen Orten auf der Welt weitergeführt.

Generationen mit Migrationshintergrund

„Anders“, so Oberbürgermeister Silvio Witt, „wäre Neubrandenburg gar nicht denkbar.“ Witt ist Schirmherr der Ausstellung. In seiner Rede erinnert er daran, dass schon im Jahr 1952, als Neubrandenburg Bezirkshauptstadt wurde, klar war, „dass die Stadt nur groß werden kann, wenn Menschen hinzukommen.“ Vertriebene wurden nach Neubrandenburg geholt und Menschen aus dem südlichen Teil der DDR umgesiedelt. Nur durch Zugezogene konnte die Stadt wachsen. Das ist heute nicht anders. Die Universität, Schulen und Kindergärten müssten schließen, wenn nicht immer wieder Menschen zuziehen würden. Dass jede und jeder, der neu nach Neubrandenburg kommt, Hoffnungen, Wünsche und ein eigenes Schicksal mitbringt, zeigen die Bilder und die Texte der Fotoausstellung. Gerade dass die Geschichten so unterschiedlich sind, dass sie Flucht, Vertreibung, Umsiedlung und Umzug aus eigenem Entschluss zusammenbringt, macht die Ausstellung so stark. Dass der Hamburger neben der Familie aus Afghanistan platziert ist und so gezeigt werden kann: Wir waren alle einmal fremd hier und jede und jeder von uns bringt die eigene Geschichte mit.

Willkommen im Quartier

Die Ausstellung ist Teil des Modellprojektes „JMD im Quartier“. Tilman Herweg, Leiter des Modellprojektes, hat sie gemeinsam mit dem Fotografen Andreas Meenke aus Neubrandenburg organisiert. Als die Bilder noch keine halbe Stunde hängen, bleiben die ersten Fahrradfahrer stehen und Fußgänger lesen sich fest. Herweg ist selbst überrascht, wie viele Menschen den Weg zur Eröffnung finden. Die meisten Porträtierten sind gekommen, Beschäftigte der Stadt, der Oberbürgermeister, die Integrationsbeauftragte des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Dagmar Kaselitz, und viele Menschen, die einfach irgendwie davon gehört haben. Menschen aus Neubrandenburg, Menschen aus dem Quartier! Nicht nur Jugendliche mit Migrationshintergrund möchte der JMD ansprechen, sondern alle Menschen, die hier leben. Denn darum geht es dem Projekt: die Menschen, die hier in Neubrandenburg zusammenleben, sollen sich mit all ihren unterschiedlichen Geschichten und ihren verschiedenen Lebenswegen besser kennen- und verstehen lernen.

Text und Bild: Servicebüro Jugendmigrationsdienste

Weiterführende Links:

 http://www.jugendmigrationsdienste.de

 www.jugendmigrationsdienste.de/jmd-im-quartier

www.jugendmigrationsdienste.de/jmd/neubrandenburg/