Aktionswochen gegen Rassismus in Bitterfeld-Wolfen

Eine große Gruppe junger Menschen sitzt im Kreis und eine Person steht im Kreis
Spielerisch wurden die angehenden Verfahrensmechaniker*innen an das Thema Ausgrenzung herangeführt. © JMD Bitterfeld-Wolfen / BbS ABi

„Eigentlich braucht es keinen Anlass. (Alltags-)Rassismus gibt es immer“, weiß Ronja Hohbach. Die Internationalen Wochen gegen Rassismus boten zwar einen passenden Rahmen, um die geplanten Projekte umzusetzen. Aber bereits seit drei Jahren ergänzt der Slogan „Wir geben Vielfalt Raum“ den Titel der Berufsbildenden Schulen Anhalt-Bitterfeld (BbS Abi). Gemäß diesem Motto führt die Mitarbeiterin im JMD-Programm Respekt Coaches in Bitterfeld-Wolfen immer wieder Angebote gegen Formen von Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit durch.

Persönliche Begegnung, um Vorurteilen vorzubeugen

Mit jüdischen Menschen ins Gespräch kommen, um Themen rund ums Judentum und Jüdischsein besser zu verstehen, aber auch, um Vorurteilen und Antisemitismus entgegenzuwirken – das nahm sich Ronja Hohbach für ihr erstes Angebot im Rahmen der Aktionswochen vor und lud zwei Studierende von „Meet a Jew“ ein. Denn „eine persönliche Begegnung bewirkt, was tausend Bücher nicht leisten können“, lautet die Devise des  Begegnungsprojekts. Vor dem Treffen hatten sich die Schüler*innen der Fachrichtung „Gestaltung“ in Gruppen vorbereitet, Fragen gesammelt und sich mit dem Nahostkonflikt beschäftigt.

„Die Bandbreite der Fragen war wirklich sehr groß“, erzählt die Respekt Coachin vom Projekttag. „Eine Schülerin hat gefragt, was koscher eigentlich bedeutet. Und jemand anderes, wie in jüdischen Communitys mit Homosexualität oder aktuellen politischen Themen umgegangen wird.“ Der Austausch und die Diskussionen waren dabei sehr respektvoll, hebt sie hervor. Die Schüler*innen, alle etwa 18 Jahre alt, waren interessiert und aufmerksam, während die Ehrenamtlichen von „Meet a Jew“ viel von ihrer eigenen Sozialisation berichteten.

Szenische Lesung über Widerstandskämpferinnen im NS-Regime

Nach diesem Auftakt holte Ronja Hohbach für die Klasse der Verfahrensmechaniker*innen ein Theater ins eigene Klassenzimmer. Bei der sogenannten szenischen Lesung setzten die Figurenspielerin Julia Raab und die Dramaturgin Sandra Bringer die letzten Briefe von drei Frauen in einen Dialog, die im ehemaligen Hinrichtungsgebäude der NS-Justiz „Roter Ochse“ starben. Drei von insgesamt 43 Frauen, die damals durch das Fallbeil hingerichtet wurden, weil sie sich gegen das System auflehnten. „Im Frühling hat man keine Lust zu sterben …“, heißt es in einem Abschiedsbrief der polnischen Widerstandskämpferin Krystina Wituska. Ihre Zeilen geben dem Theaterstück seinen Namen.

Eine Frau steht neben einem Schreibtisch vor einer Tafel
Eindrücklich inszenierte die Theaterpädagogin Julia Raab die Abschiedsbriefe mutiger Frauen.© JMD Bitterfeld-Wolfen / BbS ABi

Über solche künstlerischen Methoden ins Gespräch über den Nationalsozialismus zu kommen, sei wichtig, erklärt Hohbach. „Man ist immer im Zwiespalt, dass die Schüler*innen emotional nicht überwältigt werden, aber ganz ohne Emotion geht es auch nicht.“ Julia Raab sei dabei als Figurenspielerin und Theaterpädagogin sehr professionell gewesen und arbeitete viel mit der Fantasie der jungen Menschen.

Im Anschluss an die Inszenierung kamen die Schüler*innen mit den beiden Gästen in einem Stuhlkreis zusammen. Mit kleinen Übungen wurden sie dafür sensibilisiert, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden. Auch der historische Kontext wurde besprochen. Was ist, wenn es kein Rechtssystem mehr gibt, die Rechtsprechung willkürlich ist? Warum hat kaum jemand Widerstand geleistet? Für die jungen Menschen bot der Tag einen passenden Zugang zu verschiedenen Themen und gab Raum für Reflexion und Austausch.

Vielfalt erkennen und wertschätzen

Das dritte Angebot im Rahmen der Aktionswochen organisierte Ronja Hohbach für vier Klassen im Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) am zweiten Schulstandort in Köthen. An vier Tagen beschäftigten sich die 16- bis 18-Jährigen mit Vorurteilen gegenüber Menschen, die eine andere Herkunft als die Mehrheitsgesellschaft haben, und mit daraus resultierender Ausgrenzung und Diskriminierung. Die eingeladenen Referent*innen aus Berlin knüpften dabei an die Lebenswelt der Schüler*innen an. Denn: „Viele Jugendliche haben bereits Ausgrenzungserfahrungen gemacht“, berichtet die Respekt Coachin. „Die Klassen sind sehr heterogen, viele haben eine Migrationsbiografie und wenig Deutschkenntnisse.“

Jugendliche sitzen an einemTisch und erarbeiten Plakate
Die Jugendlichen erarbeiteten sich im Rahmen der Aktionswoche eine gemeinsame Wissensbasis.© JMD Bitterfeld-Wolfen / BbS ABi

Während der Projekttage wurden die Teilnehmenden dazu angeregt, die eigene kulturelle Vielseitigkeit zu erkennen und wertzuschätzen. Diese Betrachtung diente als Basis, um zum Beispiel Gemeinsamkeiten zwischen Jugendlichen verschiedener Herkunft zu entdecken. „Häufig ist die Sicht auf die vermeintlich Anderen von Klischees und falschen Zuschreibungen geprägt. Diese gilt es, in Frage zu stellen.“

„Endlich können wir über Sachen reden, die uns wirklich betreffen.“

Beeindruckend war, mit welcher Begeisterung die Jugendlichen mitgemacht haben. Die Referent*innen, die selbst auf eine Migrationsbiografie zurückblicken, schafften einen Raum für Selbstreflexion, den die Schüler*innen selten bekommen. „Sie konnten Gedanken und Fragen äußern, was sie sich in anderen Kontexten in dieser Form nicht trauen. Es war wie ‚Endlich können wir über Sachen reden, die uns wirklich betreffen‘.“

Mit den drei Angeboten an den Berufsbildenden Schulen lag Ronja Hohbach genau richtig. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Herangehensweisen konnte sie die jungen Menschen abholen, für Themen sensibilisieren und begeistern. Ihr ist klar: „Hier gibt es echt Bedarf, in den Schulen selbst und auch in der Region.“ Sie ist dankbar für die Aufgeschlossenheit der Schulleitung und Lehrkräfte, die  den großen Mehrwert der Respekt-Coaches-Angebote sehr zu schätzen wissen.

Ein Beitrag von: Servicebüro Jugendmigrationsdienste