Aufgeben? Keine Option für Zina. Dank Ausdauer, Geduld und Hartnäckigkeit steht die 25-Jährige jetzt auf eigenen Beinen – allen Widrigkeiten zum Trotz. „Neues Land, neue Sprache, viele Papiere“, zählt die Syrerin auf, die im Libanon ihre Kindheit verbracht hat. Kurzum: „Stress und Probleme.“ Davon war die Zeit nach ihrer Ankunft in Deutschland geprägt. Doch was für viele junge Migrant*innen ohnehin schwierig ist, wurde bei Zina und ihrer acht Jahre jüngeren Schwester noch erschwert.
Ein Ausweg aus Isolation und Gewalt
2019 kommen sie gemeinsam nach Deutschland, ohne ihre Mutter, die im Libanon bleiben muss. Der Alltag in der neuen Heimat ist schwierig. In der Obhut ihres Vaters erfahren sie Gewalt und Isolation. Monatelang pendelt Zina ausschließlich zwischen der Schule und einem gewalttätigen Haushalt hin und her. Die damals 19-Jährige besucht eine so genannte VABO-Klasse, die ihr die nötigen Deutschkenntnisse für eine Berufsqualifizierung vermitteln soll. Außerhalb der Schule ist sie völlig isoliert: „Wir mussten immer zu Hause bleiben.“
Eines Tages ruft eine Nachbarin die Polizei. Damit beginnt eine Wende im Leben der beiden Schwestern, die sie zunächst durch tiefe Täler führt. Aber immer wieder hat Zina auch Glück: Wie etwa mit dem Cousin der Mutter aus München, der sie zum Jugendmigrationsdienst Heidenheim bringt. Der JMD begleitet junge Menschen mit Migrationsgeschichte am Übergang zwischen Schule, Ausbildung und Beruf. Im Fall von Zina müssen erst einmal die Voraussetzungen geschaffen werden, um sich diesen Themen widmen zu können. JMD-Berater Bruno Schuster erinnert sich noch gut an ihre erste Begegnung. „Sie hatte niemanden, wurde von einer Stelle zur anderen geschickt“, so der Sozialarbeiter. Beim JMD findet sie die Stabilität und verlässliche Begleitung, die sie benötigt.
Jugendmigrationsdienst als verlässlicher Begleiter
Sie finden zunächst einen Platz im Frauenhaus, wo Zina ein Jahr lang bleibt. Danach zieht sie in eine WG, „aber sie hat immer versucht, eine eigene Wohnung zu finden“, betont der JMD-Mitarbeiter. Ihr oberstes Ziel ist es, die kleine Schwester, die in einem Kinderheim lebt, zu sich zu holen. Diese Motivation beschreibt Schuster „als Treibstoff für Weiteres.“ Der Vater wirft ihr dabei alle möglichen Knüppel zwischen die Beine. Doch schließlich schafft es Zina, die Vormundschaft für ihre Schwester zu erhalten: „Sie lebt seit 2024 bei mir“, berichtet Zina froh. JMD-Berater Bruno Schuster, der bei alldem unterstützend an Zinas Seite stand, ist stolz auf die junge Frau. „Alle Zeichen standen gegen sie.“ Und dennoch: „Sie war nie gebrochen, hat immer wieder weitergemacht.“
Einen der Gründe dafür sieht der JMD-Mitarbeiter in Zinas Vergangenheit: „Sie musste immer Verantwortung für sich und ihre Schwester tragen.“ Schon im Libanon sorgte sie für den Haushalt und das Geschwisterkind, während die alleinerziehende Mutter arbeiten ging. Für die jüngere Schwester, so beschreibt es Zina, sei sie bis heute Vater, Mutter und Schwester in einem. Aus Sicht von Bruno Schuster ist Zina „ein Exempel, wieviel Ehrgeiz Menschen haben können.“
Jetzt geht es endlich um sie
Für Zina beginnt ein neuer Abschnitt, in dem sie sich erstmals ihrer eigenen Zukunft, ihren Wünschen und Zielen widmen kann. Welche beruflichen Möglichkeiten habe ich? Wo möchte ich hin und welche Schritte sind dafür nötig? „Seit ungefähr zwei Jahren ist sie in einem Prozess, bei dem es um sie geht“, resümiert Bruno Schuster. Den Ansatz des Jugendmigrationsdienstes beschreibt er so: „Jeder Mensch kommt als Individuum in die Beratung, mit eigenen Ressourcen und Bedürfnissen.“ Was Zina gebraucht habe, nennt er „Empowerment“. Sie zu bestärken und ihre Selbstwirksamkeit zu fördern, damit sie ihren eigenen Weg gehen kann – darin sieht er seine Aufgabe.
Zina ist selbstbewusster geworden, davon ist sie überzeugt. „Ich kann mein Leben selbstbestimmt führen“, betont Zina. Sie habe verstanden, wie das Leben in Deutschland laufe. Dies nicht zuletzt mit der Hilfe des JMD. Erste Schritte in Richtung Zukunft sind gemacht: Für Herbst hat sie sich bei der Heidenheimer AWO für einen Kurs zur ambulanten Pflegehelferin angemeldet. Mit dem Führerschein hat sie ebenfalls begonnen. „Ich bin nicht allein“, sagt Zina. „Der JMD begleitet mich.“
Über den Jugendmigrationsdienst Heidenheim
Der JMD Heidenheim ist einer von bundesweit rund 500 Jugendmigrationsdiensten. Träger ist der AWO Kreisverband Heidenheim. Zwei Fachkräfte teilen sich 1,5 Stellen, mit denen sie zurzeit mehr als 200 junge Menschen zwischen 12 und 27 Jahren beraten und begleiten. Zum Angebot gehören auch kostenfreie Gruppenangebote zu Themen wie Bewerbungsverfahren, Medienkompetenzen oder Gewaltprävention. Im Rahmen des Modellprojekts JMD digital-hub wirkt der JMD an der Weiterentwicklung und Vernetzung digitaler Angebote wie der Online-Beratungsplattform www.jmd4you.de mit. Noch bis Ende 2026 sind in Heidenheim außerdem zwei Fachkräfte im JMD-Programm Respekt Coaches tätig, das Toleranz und Demokratiebildung an Schulen fördert.
Text: Servicebüro Jugendmigrationsdienste