Wie JMD wirkt: Die Jugendmigrationsdienste im Jahresrückblick 2023

Drei junge Frauen sitzen an einem Tisch
Mit Beratung, Bildungs- und Freizeitangeboten in die Zukunft starten: Junge Menschen finden bei den Jugendmigrationsdiensten verlässliche Ansprechpersonen.© Servicebüro Jugendmigrationsdienste

130.000 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 27 Jahren nahmen im Jahr 2023 die Beratungsangebote der Jugendmigrationsdienste in Anspruch. Einen Deutsch- oder Integrationskurs finden, Abschlüsse anerkennen lassen, sich für ein Praktikum oder einen Ausbildungsplatz bewerben: Das sind typische Anliegen, bei denen die JMD-Fachkräfte unterstützen. Aber auch bei familiären Problemen, bürokratischen Hürden und Alltagsfragen zum Leben in Deutschland stehen sie jungen Menschen zur Seite.

Die Zusammenarbeit kann sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren erstrecken. „Wir haken nicht bloß einzelne Maßnahmen ab, sondern begleiten die Jugendlichen weiter – Etappe für Etappe“, erklärt Teresa Wigand vom JMD Fürstenwalde in Brandenburg. Im Einzelfall kann das so aussehen wie bei einer jungen Frau aus Afghanistan: Mit Unterstützung des Jugendmigrationsdienstes schaffte sie das Abitur, nahm ein Studium auf, organisierte die Pflege ihrer Mutter und erwarb schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Ein anderes Beispiel ist ein junger Mann aus Somalia, der als Minderjähriger für volljährig erklärt und in einer Asylunterkunft für Erwachsene untergebracht wurde. Mit Hilfe des JMD Rhein-Mosel-Ahr konnte er sein tatsächliches Alter nachweisen und einen Ausbildungsplatz finden.

Bild von einem Diagramm, welches die Zahlen der beratenen jungen Menschen im Jahresvergleich zeigt
© Servicebüro Jugendmigrationsdienste

130.000 junge Menschen aus 180 Nationen beraten – mehr als je zuvor

Rund 500 Jugendmigrationsdienste gibt es in Deutschland. Zu ihnen kommen Ratsuchende aus 180 Nationen, vor allem junge Menschen aus Syrien und Afghanistan. Aber auch Zugewanderte aus der Ukraine, dem Irak, Somalia, Eritrea und der Türkei wandten sich 2023 besonders oft an die JMD. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Ratsuchenden um etwa 10.000. Das liegt auch am Krieg Russlands gegen die Ukraine, der junge Menschen aus dieser Region unter anderem nach Deutschland treibt. Sie alle finden im JMD zugewandte und erfahrene Ansprechpersonen.

Neben dem professionellen sozialpädagogischen Hintergrund kann ein Drittel der JMD-Fachkräfte auf Erfahrungen aus der eigenen Migrationsgeschichte zurückgreifen. Viele JMD-Berater*innen sprechen zudem mehrere Sprachen und können auch dadurch Barrieren abbauen, wie das Beispiel eines jungen Afghanen zeigt: Mithilfe des JMD Minden-Lübbecke konnte er sein Deutsch verbessern, seinen Schulabschluss machen und eine Ausbildung als Kfz-Mechatroniker absolvieren. Heute arbeitet er als qualifizierte Fachkraft in Vollzeit. In seiner Freizeit übersetzt der junge Mann für die Diakonie, „um anderen Flüchtlingen zu helfen und um etwas zurückzugeben. Ohne die Unterstützung im JMD hätte ich das alles nicht geschafft“, betonte er beim bundesweiten JMD-Aktionstag 2023.

Bild von einer grau weißen Weltkugel, auf der die häufigsten Herkunftsländer der Ratsuchenden stehen.n
Häufigste Herkunftsländer der Ratsuchenden: Je größer die Schrift, desto häufiger kamen Menschen aus diesem Land zum JMD.© Servicebüro Jugendmigrationsdienste

Kompetenzen entwickeln, Teilhabe stärken: Gruppenangebote der JMD

Mit individueller Beratung und Begleitung ermöglichen die JMD jungen Menschen die Teilhabe am beruflichen und sozialen Leben in Deutschland. Ein weiterer Baustein sind gruppenbezogene Angebote. Rund 2.000 Workshops, Kurse und Veranstaltungen mit 55.000 Teilnehmenden waren es im Jahr 2023. Häufig vermitteln sie berufsbezogene Kompetenzen wie Bewerbungen schreiben oder den Umgang mit Computer, E-Mail & Co. Eine große Rolle spielen Sprach- und Kommunikationstrainings, die dabei helfen, die Inhalte der Integrationskurse zu bewältigen. Kultur- und Freizeitangebote erleichtern es jungen Menschen, Anschluss zu finden, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und ihre Selbstwirksamkeit zu stärken.

Beratung und Gruppenangebote greifen oft ineinander: Über einen Freizeittreff lernen junge Menschen die JMD-Beratung kennen. Oder sie erfahren in der Beratung von einem spannenden Projekt, wie Sunam aus Afghanistan. Felix Neumann vom JMD Ortenaukreis/Kehl lud die junge Frau ein, bei einem internationalen Jugendbeirat mitzuwirken. Später besuchte sie mit dem JMD den Bundestag in Berlin, machte ein Praktikum bei einem Abgeordneten, wurde selbst politisch aktiv. „Jetzt ist sie in Kehl die Stimme der afghanischen Community, spricht auf Demos und setzt sich für Frauenrechte ein“, so der JMD-Berater.

Portrait einer jungen Frau.
Agadir aus Venezuela fand mit Unterstützung des JMD Nürnberg eine Ausbildung. Gemeinsam mit anderen jungen Menschen wirkte sie 2023 an der Ausstellung „Erfolgsgesichter“ mit, die Zugewanderte porträtiert. © JMD Nürnberg

JMD schaffen Voraussetzungen für eine gelungene Integration

Auch strukturell wirken die JMD daran mit, die Voraussetzungen für eine gelungene Integration zu schaffen. In ihren Landkreisen, Gemeinden und Bezirken sind die JMD Vermittler und Fürsprecher für junge Menschen mit Migrationsgeschichte. Im Rahmen der Netzwerkarbeit setzen sie sich für deren Belange ein und tragen zur interkulturellen Öffnung von Jobcentern, Ausländerbehörden und anderen Institutionen bei.

Im Rahmen von Begegnungsfesten und Kulturveranstaltungen bringen die JMD Einheimische und Zugewanderte zusammen. Sie regen zu Austausch und gegenseitigem Verständnis an, etwa bei der Interkulturellen Woche oder den Internationalen Wochen gegen Rassismus. Der Aufgabenschwerpunkt JMD im Quartier fördert das Miteinander und die Beteiligung von Anwohner*innen im Stadtviertel. Gemeinsam gestalten sie ihr Wohnumfeld durch Urban Gardening oder Upcycling-Aktionen und kommen beim Werkeln, Graffiti sprayen oder Singen in Kontakt.

Austausch und Begegnung fördert auch die mobile JMD-Ausstellung YOUNIWORTH. 2023 diskutierten an 18 Ausstellungsorten vor allem junge Besucher*innen über das Thema: Wie wollen wir in Deutschland zusammenleben? Ziel der Ausstellung ist es, für die Themen Jugend und Migration zu sensibilisieren, Vorurteile zu hinterfragen und einander besser kennenzulernen.

Zwei junge Mädchen stehen vor einer Wand auf der Wörter mit Migrationshintergrund stehen.
Die JMD-Ausstellung YOUNIWORTH ist eines von vielen Projekten der Jugendmigrationsdienste, das junge Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte zusammenbringt.

Großer Einsatz gegen Kürzungen und für Erhalt des JMD-Programms Respekt Coaches

Mit dem bundesweiten Präventionsprogramm JMD Respekt Coachesfördern die Jugendmigrationsdienste Toleranz und Demokratiebewusstsein an Schulen. Sie beugen Extremismus, Rassismus und Antisemitismus vor und stärken junge Menschen in ihrer Persönlichkeit. Seit 2018 nahmen rund 520.000 Schüler*innen an den rund 13.000 Workshops, AGs und Projekten der Respekt Coaches teil. Eine wissenschaftliche Evaluation verdeutlichte die positiven Effekte des Programms. Geplante Kürzungen konnten aufgrund bundesweiter Proteste und der Unterstützung durch Partner*innen aus Politik und Gesellschaft weitgehend verhindert werden. Trotz dieser schwierigen Situation arbeiteten die JMD Respekt Coaches engagiert weiter und erreichten im Jahr 2023 mehr als 170.000 junge Menschen an rund 600 Schulen.

Neu: JMD Mental Health Coaches stärken psychische Widerstandskraft

Mit dem Programm JMD Mental Health Coacheserweitern die JMD seit dem Schuljahr 2023/24 ihre Arbeit an Schulen um das Thema der psychischen Gesundheit. In präventiven Gruppenangeboten haben Jugendliche die Möglichkeit, offen darüber zu sprechen, was sie beschäftigt. Sie erfahren, wie sie mit belastenden Situationen umgehen und ihre Resilienz stärken können. Das Angebot reicht vom Workshop für Ressourcenaktivierung über Entspannung durch Yoga bis zum Gruppencoaching für Stressmanagement. An rund 100 Kooperationsschulen wurden bereits im ersten Halbjahr 300 Gruppenangebote mit mehr als 14.000 Teilnehmenden durchgeführt.

Online-Beratung und Weiterentwicklung der digitalen JMD-Arbeit

Trotz der rund 500 Jugendmigrationsdienste bundesweit sind nicht alle Jugendlichen mit Beratungsbedarf an einen Standort in ihrer Nähe angebunden, vor allem im ländlichen Raum. Die JMD Online-Beratung www.jmd4you.de versorgt auch sie mit einer kompetenten und vertraulichen Beratung. Erfahrene JMD-Berater*innen stehen ihnen ortsunabhängig und über eine sichere Datenverbindung zur Seite – per Mail, Chat und Rückruf-Service. 2023 wurden 27 JMD-Fachkräfte zusätzlich für die Online-Beratung geschult. Mit Angeboten wie der Bewerbungs-App JMD apply wird die digitale JMD-Arbeit stetig ausgebaut und weiterentwickelt.

Zeichnung eines Handys, daneben eine Frau.
Mit der App JMD apply steht jungen Menschen ein virtueller Bewerbungscoach zur Verfügung, der sie spielerisch durch den Bewerbungsprozess führt.© Servicebüro Jugendmigrationsdienste

Ob digital oder analog: Die Wirkung der JMD zeigt sich in den individuellen Geschichten der jungen Menschen, die erfolgreich ihren Weg in Deutschland gehen. Für sie, aber auch für die Gesellschaft schaffen die JMD Perspektiven. Sie ermöglichen selbstbestimmte Teilhabe, bringen Firmen und Fachkräfte zusammen und stärken den demokratischen Zusammenhalt. Kurzum: Die Arbeit der Jugendmigrationsdienste wirkt.

Hintergrund

Das Bundesprogramm Jugendmigrationsdienste wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Trägergruppen der Jugendmigrationsdienste sind die Arbeiterwohlfahrt, die BAG Evangelische Jugendsozialarbeit, die BAG Katholische Jugendsozialarbeit und der Internationale Bund/Freie Trägergruppe.

Text, Daten und Grafiken erstellt durch das Servicebüro Jugendmigrationsdienste, Mai 2024